Wie die Galaktische Föderation versuchte, eine spirituelle Soloselbständige mit Bürokratie vom Leben abzuhalten

Es begann an einem Dienstag. Nicht an irgendeinem Dienstag, sondern an jenem Dienstag, an dem die Galaktische Föderation beschloss, dass Erleuchtung künftig transparenter geregelt werden müsse. Man hatte festgestellt, dass in mehreren Sternensystemen kleine spirituelle Soloselbständige eigenmächtig Licht  verbreiteten.


Ohne Antrag.

Ohne Prüfsiegel.

eilweise sogar ohne ordnungsgemäße Kennzeichnung ihrer Aura.


Das konnte natürlich nicht so weitergehen.

Also trat die neue Verordnung GF-27/881 in Kraft.


Ihr offizieller Titel lautete:

„Verordnung zur sicheren, nachvollziehbaren und verbraucherfreundlichen Ausstrahlung feinstofflicher Angebote innerhalb interplanetarer Kommunikationsräume.“


Sie umfasste 1.438 Seiten.


Das Inhaltsverzeichnis allein war so lang, dass drei Lichtwesen beim Lesen spontan in die nächste Inkarnation wechselten.


Auf der Erde bemerkte zunächst niemand etwas. Bis eines Morgens eine spirituelle Coachin namens Elara in ihrem Postfach eine Nachricht fand.


Betreff: Dringender Handlungsbedarf bei Ihrer Lichtfrequenz


Elara erschrak. Sie hatte seit Jahren kleine Online-Abende angeboten, Meditationen gemacht und ungefähr vier Coachings im Monat. Manchmal waren es auch nur zwei. Im Sommer eher eines.


Aber nun stand dort:

„Ab dem kommenden galaktischen Quartal gelten neue Kennzeichnungspflichten für energetische Inhalte.“


Elara setzte sich aufrechter hin. Kennzeichnungspflichten? Sie klickte weiter.


„Jede energetische Übertragung muss künftig folgende Angaben enthalten:

Ursprungsplanet der Frequenz
ungefähre Schwingungshöhe
Name des zuständigen Erzengels
eventuelle Nebenwirkungen auf das Kronenchakra
und eine Kontaktmöglichkeit für Beschwerden innerhalb von 14 Erdwerktagen.“


Elara schluckte.


Sie hatte bisher immer nur geschrieben: „Heute Abend Meditation um 19 Uhr.“


Das war offenbar fahrlässig gewesen.


Zwei Tage später kam die nächste Nachricht.


„Verwenden Sie KI-generierte Sternennebel?“


Elara dachte nach.


Sie hatte vor drei Wochen ein hübsches Bild für ihre Website erzeugt. Darauf saß sie vor einem violetten Sternentor. Sie war nie an diesem Sternentor gewesen. Zumindest nicht in diesem Leben. Vielleicht früher einmal. Ganz sicher war sie nicht.


Die Nachricht ging weiter: „Sollte das Bild einen Ort zeigen, den Sie nicht nachweislich physisch besucht haben, kann eine Kennzeichnung als interdimensional veränderte Darstellung erforderlich sein.“


Elara begann zu schwitzen.


Unter das Bild schrieb sie vorsichtshalber: „Diese Aufnahme entstand nicht im Orionnebel.“


Doch damit war das Problem nicht gelöst.


Am nächsten Morgen kam eine Warnung wegen ihres Logos. Es zeigte eine Feder.


„Ist diese Feder markenrechtlich geschützt?“

Nein.


„Ist sie urheberrechtlich geschützt?“

Keine Ahnung.


„Wurde sie mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt?“

Ja.


„Haben Sie geprüft, ob im Andromedanebel bereits jemand eine ähnliche Feder verwendet?“

Nein.


Elara legte den Kopf auf den Tisch.


Sie hatte inzwischen sieben Stunden mit rechtlichen Fragen verbracht und noch keinen einzigen Menschen begleitet.


Am Nachmittag erhielt sie eine neue Nachricht: „Achtung: Änderungen ab 2027 werden die spirituelle Online-Szene für immer verändern.“


Elara sprang auf. Für immer?


Sie öffnete hektisch den Anhang.


Darin stand, dass künftig bei digitalen Lichtprodukten neue Hinweise zur galaktischen Gewährleistungspflicht erforderlich seien.


Zum Beispiel: „Diese Meditation entspricht der vereinbarten Beschaffenheit, sofern sie die versprochene innere Ruhe erzeugt.“


Elara überlegte.


Was, wenn jemand nach vier Monaten schrieb: „Ich bin noch immer nicht erleuchtet.“ Musste sie dann die Meditation zurücknehmen? Oder eine neue liefern? Vielleicht zwei?


Sie beschloss, vorsichtshalber gar nichts mehr anzubieten.


Doch am Abend klopfte es.


Vor ihrer Tür stand ein Mitarbeiter der Galaktischen Föderation. Er trug eine graue Uniform und hielt ein Klemmbrett.


„Sind Sie Elara?“


„Ja.“


„Betreiben Sie ein spirituelles Kleinstunternehmen?“


„Ich glaube schon.“


„Wie viele Kunden haben Sie?“


„Nicht viele.“


„Wie viele?“


Elara dachte nach.


„Dieses Jahr neun.“


Der Beamte sah auf.


Dann auf sein Klemmbrett.


Dann wieder auf Elara.


„Neun?“


„Ja.“


Er blätterte durch seine Unterlagen.


„Sie meinen neunhundert?“


„Nein. Neun.“


Stille.


Der Mann seufzte.


„Wissen Sie, warum ich hier bin?“


„Wegen der Verordnung GF-27/881?“


„Nein.“


Er zog ein weiteres Formular hervor.


„Ich bin hier, weil Sie seit drei Wochen jeden Abend sämtliche galaktischen Rechtsdatenbanken aufrufen. Unser System hat ungewöhnlich hohe Aktivität festgestellt.“


Elara schwieg.


„Sind Sie eine interplanetare Handelsplattform?“


„Nein.“


„Ein Großunternehmen?“


„Nein.“


„Beschäftigen Sie mehr als 500 Personen?“


„Nein.“


„Mehr als 50?“


„Nein.“


„Mehr als eine?“


„Nein.“


Der Beamte setzte sich.


„Was machen Sie eigentlich?“


„Meditationen.“


„Wie viele?“


„Zwei im Monat.“


Er legte das Klemmbrett beiseite.


„Elara.“


„Ja?“


„Gehen Sie raus.“


Sie starrte ihn an.


„Was?“


„Gehen Sie spazieren.“


„Aber die neuen Vorschriften …“


„Ihre Zahlungsabwicklung läuft über einen zertifizierten galaktischen Reseller.“


„Ja.“


„Ihre Website hat ein Impressum.“


„Ja.“


„Ihre Datenschutzerklärung ist aktuell.“


„Ja.“


„Sie behaupten nicht, dass jeder Kunde nach drei Wochen Millionär wird.“


„Nein.“


„Sie verkaufen keine Heilung gegen Saturntransite.“


„Nein.“


Der Beamte nickte.


„Dann machen Sie Ihre Meditation.“


Elara sah ihn lange an.


„Das war’s?“


„Das war’s.“


Er stand auf, nahm sein Klemmbrett und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.


„Eine Sache noch.“


Elara erstarrte.


„Ja?“


„Ab 2027 wird sich allerdings einiges ändern.“


Elara wurde blass.


Der Beamte lächelte.


„Das sage ich immer. Damit lesen die Leute meine Rundmails.“


Dann verschwand er.


Elara schloss die Tür.


Sie ging zum Fenster.


Draußen standen die Sterne ruhig am Himmel.

Keiner von ihnen trug eine Kennzeichnung.

Keine Datenschutzerklärung.

Kein Impressum.

Nicht einmal einen Cookie-Banner.


Elara setzte sich.

Atmete.

Und schickte ihren Teilnehmerinnen eine kurze Nachricht: „Meditation heute Abend um 19 Uhr.“

Dann schaltete sie den Computer aus.


Weit entfernt, tief unter dem Hauptquartier der Galaktischen Föderation, leuchtete in einem dunklen Archivraum ein einzelner Bildschirm auf. Darauf erschien eine Meldung:


VORGANG ABGESCHLOSSEN.


Darunter stand:


Kleinstunternehmen hat beschlossen, wieder zu leben.


Ein Mitarbeiter betrachtete die Nachricht.


Dann zog er langsam einen schweren Ordner aus dem Regal.


Auf dem Rücken stand:


Operation Paragraphennebel.


Er pustete den Staub herunter.


Und irgendwo im Universum begann jemand sehr leise zu lachen.


Falls du nach diesem Ausflug in die galaktische Bürokratie noch nicht genug hast …

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Beide Bücher bewegen sich in jener Zone des Universums, in der Spiritualität, KI, galaktischer Unsinn und eine gewisse Skepsis gegenüber der ordnungsgemäßen Funktionsfähigkeit der Realität friedlich nebeneinander existieren dürfen.


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Was bei einem Buch von mir irgendwie auch beruhigend logisch erscheint.


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Ich kann nicht sehen, wie lange du dort warst.

Und nach meinem derzeitigen Kenntnisstand kann ich nicht einmal feststellen, ob überhaupt jemals irgendjemand dort war.


Du kannst dich dort also weitgehend unbeobachtet zwischen meinen Büchern bewegen.

Fast wie früher im Internet.


Die Galaktische Föderation wurde darüber informiert.

Bislang liegt keine Beanstandung vor.


Copyright: © Blandina Aurelia Gellrich

 

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