Wenn die leisen Kräfte hervortreten

In den vergangenen Wochen ist mir ein Satz gleich dreimal begegnet. Nicht, weil ich nach ihm gesucht hätte. Nicht in einem Zusammenhang, in dem ich ihn erwartet hätte. Er war einfach plötzlich da – in unterschiedlichen Begegnungen und Zusammenhängen, jedes Mal mit ungefähr derselben Aussage:


Die Sanftmütigen werden einmal die Erde beherrschen.


Beim dritten Mal wurde ich aufmerksam. Dreimal ist für mich noch kein Beweis für irgendetwas. Aber manchmal ist es genug, um stehenzubleiben und genauer hinzusehen.


Also begann ich zu forschen.


Und dabei entdeckte ich, dass dieser scheinbar so einfache Satz durch erstaunlich viele Schichten führt.


Eine Verheißung, die viel älter ist als die Bergpredigt


Am bekanntesten ist vermutlich die Seligpreisung Jesu aus der Bergpredigt:

„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“

So steht es in Matthäus 5,5.


Doch Jesus greift damit einen Gedanken auf, der bereits lange vorher in Psalm 37 erscheint.

Und gerade dieser Psalm hat mich bei meiner Suche besonders berührt. Denn er beginnt nicht in einer heilen Welt. Er spricht zu Menschen, die sehen, wie diejenigen Erfolg haben, die rücksichtslos handeln. Menschen, die Ungerechtigkeit wahrnehmen und erleben, wie sich andere mit Macht, Gewalt und Rücksichtslosigkeit durchsetzen.


Und ihnen wird gesagt:


Entrüste dich nicht darüber.

Werde still.

Vertraue auf Gott.

Tue Gutes.

Lass ab vom Zorn.

Warte.


Dann folgt die Verheißung:

Diejenigen, die auf Gott vertrauen, werden das Land erben. Die Elenden werden das Land erben und sich an großem Frieden erfreuen. Die Gerechten werden das Land besitzen und darin wohnen.


Und mitten in diesem Psalm steht noch ein bemerkenswertes Bild:

Die Frevler ziehen das Schwert – doch ihr Schwert dringt schließlich in ihr eigenes Herz. Ihr Bogen zerbricht.


Schon hier erscheint also ein Gedanke, der mir später bei Yogananda wieder begegnen sollte:

Das Zerstörerische trägt den Keim seiner eigenen Zerstörung in sich.


Sanftmut ist keine Schwäche


Vielleicht hat das Wort „sanftmütig“ heute einen etwas schwierigen Klang bekommen.


Man denkt schnell an jemanden, der still in einer Ecke sitzt, alles hinnimmt und sich nicht wehrt.


Doch je länger ich diese Texte betrachtete, desto weniger konnte ich Sanftmut mit Schwäche verbinden.


Sanftmut scheint vielmehr eine Form innerer Kraft zu sein.

Ein Mensch kann sehr klar sein und trotzdem nicht hassen.

Er kann Nein sagen, ohne vernichten zu wollen.

Er kann Unrecht erkennen, ohne selbst vom Zorn beherrscht zu werden.

Er kann handeln, ohne innerlich zu dem zu werden, gegen das er kämpft.


Vielleicht liegt genau darin eine Kraft, die wir bisher unterschätzt haben.


Denn Gewalt kann Gewalt besiegen – und hinterlässt häufig nur die nächste Gewalt.

Macht kann eine andere Macht stürzen – und selbst wieder zu Machtmissbrauch werden.

Eine Ideologie kann eine andere verdrängen – und irgendwann steht die Menschheit vor demselben Problem unter einem neuen Namen.


Sanftmut unterbricht diesen Kreislauf.


Nicht unbedingt durch Passivität. Sondern dadurch, dass sie das zerstörerische Prinzip nicht weiterträgt.


Wenn dich dieser Gedanke anspricht, findest du dazu auch meinen Beitrag „Warum meine Sanftheit keine Schwäche ist – und was die Welt gerade wirklich braucht“.


Und plötzlich taucht die Offenbarung auf


Noch interessanter wurde meine Suche, als ich in die Offenbarung des Johannes kam. Denn dort findet sich plötzlich das zweite Wort aus jenem Satz, der mir dreimal begegnet war.


Nicht mehr nur erben oder besitzen.


Sondern tatsächlich:

herrschen.


Im fünften Kapitel erscheint das geheimnisvolle Buch mit den sieben Siegeln. Niemand scheint würdig zu sein, es zu öffnen.


Und dann erscheint ausgerechnet das Lamm.

Nicht der mächtigste Krieger.

Nicht derjenige mit der größten Armee.

Nicht ein Herrscher, der alle anderen unterworfen hat.

Das Lamm.


Und im anschließenden Lobgesang heißt es über diejenigen, die Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht hat:

„… und sie werden herrschen auf Erden.“


Da lagen plötzlich verschiedene Teile beinahe nebeneinander:


Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen.

Die Gerechten werden das Land erben.

Und in der Offenbarung:

Sie werden auf Erden herrschen.


Vielleicht ist daraus irgendwann jener Satz entstanden, der mir nun dreimal begegnet ist:

Die Sanftmütigen werden die Erde beherrschen.


Doch damit entstand für mich eine neue Frage. Was bedeutet denn „herrschen“, wenn diejenigen herrschen, die gerade nicht vom Wunsch zu herrschen erfüllt sind?


Wenn sich das Wesen von Macht verändert


Wenn man die Aussage nur oberflächlich betrachtet, könnte daraus eine Art Machtwechsel werden:

Heute herrschen die Rücksichtslosen. Irgendwann gewinnen die Guten und dann herrschen eben sie.


Aber das würde das alte Spiel lediglich mit vertauschten Rollen fortsetzen.


Mich berührt eine andere Möglichkeit stärker.


Vielleicht können die Sanftmütigen die Erde gerade deshalb „erben“, weil sie sie nicht mehr beherrschen müssen.

Weil ihre Kraft nicht daraus entsteht, andere Menschen zu kontrollieren.

Weil sie nicht ständig beweisen müssen, dass sie stärker, richtiger oder wichtiger sind.

Weil ihre innere Stabilität aus einer anderen Quelle kommt.


Dann wäre Sanftmut keine Strategie zur Erlangung von Macht.

Sie wäre bereits das Ende des alten Machtprinzips.


Yogananda und die Kräfte, die sich selbst zerstören


Während ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich an etwas, das ich bei Paramahansa Yogananda gelesen hatte.


Und genau hier wurde meine Suche für mich besonders spannend.


Yogananda spricht im Zusammenhang mit den großen Krisen der Menschheit davon, dass sich die Welt in einer aufsteigenden Phase des Dwapara Yuga befindet. Diese Entwicklung bringt nach seiner Auffassung einerseits größere geistige und technologische Möglichkeiten mit sich, andererseits aber auch ein größeres zerstörerisches Potential, solange Menschen diese Kräfte aus Gier und Machtstreben heraus einsetzen.


Und dann schreibt er einen bemerkenswerten Satz:


Die Kräfte des Bösen werden ihre eigene Zerstörung herbeiführen.


Er sagt außerdem, rohe Gewalt sei niemals der endgültige Sieger. Aus den großen Konflikten könne schließlich eine größere, bessere Welt hervorgehen. Die Menschheit gehe trotz aller Rückschläge insgesamt nicht ihrem Untergang entgegen, sondern befinde sich in einer aufsteigenden Entwicklung.


Eine Jahreszahl nennt er dafür nicht.

Er beschreibt vielmehr einen Vorgang.

Zerstörerische Kräfte steigern sich.

Sie kämpfen um Vorherrschaft.

Sie wenden ihre Gewalt gegeneinander.

Und gerade dadurch beginnen sie, sich selbst zu schwächen und schließlich zu zerstören.


Das erinnerte mich unmittelbar wieder an Psalm 37:

Das Schwert des Frevlers dringt schließlich in sein eigenes Herz.


Vielleicht muss das Sanfte das Aggressive also gar nicht auf dessen eigenem Spielfeld besiegen.

Vielleicht erschöpft sich das Zerstörerische irgendwann an sich selbst.


Die leisen Kräfte warten nicht untätig


Noch deutlicher wird dieser Gedanke in einem Gebet Yoganandas für den Weltfrieden.


Dort stellt er zwei Arten von Kräften gegenüber.


Die Kräfte des Bösen beschreibt er als aggressiv.

Die Kräfte des Guten dagegen als demütig, still und unaufdringlich.


Das ist ein faszinierendes Bild.


Denn wenn wir nur danach schauen, was laut ist, was drängt, was Schlagzeilen beherrscht, was Macht demonstriert und sich in den Vordergrund schiebt, könnte leicht der Eindruck entstehen, das Aggressive sei stärker.


Doch vielleicht ist es nur sichtbarer.


Das Gute arbeitet häufig anders.

Es muss sich nicht ständig zeigen.


Es wächst in Menschen.

In ihrem Bewusstsein.

In ihren Entscheidungen.

In ihrer Fähigkeit, nicht jeden Hass weiterzugeben.

In ihrer Weigerung, sich von Angst und Feindbildern vollständig bestimmen zu lassen.

In ihrem Wunsch nach Frieden.

In ihrer Verbindung zu Gott.


Vielleicht stehen diese Kräfte also nicht einfach wie zwei gleichartige Armeen gegeneinander.


Vielleicht besteht gerade darin der Unterschied.


Das eine Prinzip kämpft um Macht und gerät dadurch immer wieder mit anderen Machtkräften aneinander.


Das andere trägt eine völlig andere Ordnung in sich.


Und wenn sich die zerstörerischen Kräfte irgendwann gegenseitig erschöpft haben, kann sichtbar werden, was vorher beinahe unscheinbar darunter gewachsen ist.


Dann bekommt der Satz für mich plötzlich noch eine andere Bedeutung:


Die Sanftmütigen werden die Erde erben.


Nicht weil sie die anderen besiegt haben.

Sondern weil sie übrigbleiben, wenn ein Prinzip, das auf Zerstörung beruht, sich irgendwann selbst zerstört.


Vielleicht beschreibt die Verheißung einen Zeitpunkt


Das finde ich besonders interessant. Denn damit wäre die Aussage nicht nur eine Beschreibung bestimmter Menschen. Sie enthielte zugleich einen Hinweis darauf, wann ihre Zeit kommt.


Nicht im Jahr 2030.

Nicht 2050.

Nicht zu einem berechenbaren Datum.


Sondern dann, wenn das alte Prinzip seine Möglichkeiten ausgeschöpft hat.


Wenn Macht gegen Macht steht.

Wenn Gewalt immer neue Gewalt erzeugt.

Wenn Systeme, die auf Konkurrenz, Beherrschung und Trennung aufgebaut sind, beginnen, an ihren eigenen Widersprüchen zu zerbrechen.


Dann könnte das, was zuvor schwach aussah, plötzlich eine vollkommen andere Bedeutung bekommen.

Friedfertigkeit.

Kooperation.

Mitgefühl.

Innere Klarheit.

Verbundenheit.

Verantwortung.

Sanftmut.


Vielleicht sind dies nicht die Eigenschaften einer vergangenen Welt.


Vielleicht sind es Eigenschaften, die eine zukünftige Welt überhaupt erst möglich machen.


Vielleicht erleben wir gerade deshalb so viele Gegensätze


Manchmal kann man in unsere heutige Welt schauen und den Eindruck bekommen, Rücksichtslosigkeit, Lautstärke und Aggression würden immer mächtiger.


Doch vielleicht ist Sichtbarkeit nicht dasselbe wie Zukunftsfähigkeit.


Etwas kann sehr laut sein, gerade weil es um seinen Fortbestand ringt.


Etwas anderes kann beinahe unsichtbar wachsen.

In Menschen.

In kleinen Entscheidungen.

In einer zunehmenden Sehnsucht nach Frieden.

In Menschen, die keine Lust mehr haben, jeden Konflikt zu einem Kampf zu machen.

In Menschen, die beginnen, ihre eigene innere Welt zu klären.

In Menschen, die sich wieder mit Gott, ihrer Seele oder einer größeren geistigen Wirklichkeit verbinden.


Das macht selten Schlagzeilen.


Doch vielleicht entstehen die großen Veränderungen einer Menschheit nicht immer dort, wo wir zuerst hinschauen.


Ein Wald beginnt schließlich auch nicht mit einem Wald. Er beginnt mit Samen.


Über diese leise Form des Wandels habe ich auch in „Still und klar – Ein Manifest für den inneren Wandel“ geschrieben – über Klarheit, innere Führung und Veränderungen, die zunächst in uns beginnen.


Wer sind also die Sanftmütigen?


Vielleicht sind es nicht einfach die „lieben Menschen“.

Vielleicht sind es diejenigen, die gelernt haben, Kraft zu tragen, ohne sie gegen andere richten zu müssen.

Menschen, die klar sein können, ohne grausam zu werden.

Menschen, die unterscheiden können, ohne zu hassen.

Menschen, die sich nicht jeder kollektiven Empörung anschließen müssen.

Menschen, die ihre Mitte nicht jedem äußeren Ereignis überlassen.

Menschen, die das Dunkle sehen können, ohne ihm ähnlich werden zu müssen.

Vielleicht ist Sanftmut eine sehr entwickelte Form von Stärke.

Eine Kraft, die nicht mehr beweisen muss, dass sie Kraft ist.


Und vielleicht braucht eine zukünftige Menschheit genau diese Menschen.

Nicht als neue Herrscher über andere. Sondern als Menschen, die gelernt haben, zunächst über sich selbst zu herrschen.

Über ihre Angst.

Über ihren Hass.

Über ihre Gier.

Über ihren Wunsch, andere zu kontrollieren.

Über die Versuchung, auf Dunkelheit mit Dunkelheit zu antworten.


Eine alte Verheißung – und vielleicht eine zukünftige Welt


So führt diese kleine Forschungsreise für mich von einem Satz, der mir innerhalb kurzer Zeit dreimal begegnete, weit zurück in Psalm 37, zur Bergpredigt Jesu, in die Bilderwelt der Offenbarung und schließlich zu Paramahansa Yoganandas Gedanken über die Entwicklung der Menschheit.


Und seltsamerweise erzählen all diese Texte für mich etwas sehr Ähnliches:


Das Rücksichtslose kann eine Zeitlang mächtig erscheinen.

Das Gewalttätige kann sich ausbreiten.

Das Laute kann den Eindruck erwecken, ihm gehöre die Welt.

Doch es trägt etwas in sich, das ihm auf Dauer Grenzen setzt.

Das Zerstörerische zerstört schließlich auch sich selbst.


Und währenddessen wächst etwas anderes.

Leiser.

Unscheinbarer.

Vielleicht sogar lange unbemerkt.

Bis seine Zeit gekommen ist.


Ich weiß nicht, warum mir dieser Satz innerhalb weniger Wochen dreimal begegnet ist.

Vielleicht war es Zufall.

Vielleicht sollte ich genauer hinsehen.

Das habe ich getan.


Und am Ende meiner kleinen Forschungsreise erscheint mir die Sanftmut jedenfalls nicht mehr wie eine stille, etwas altmodische Tugend. Sondern beinahe wie ein evolutionäres Prinzip.


Nicht die Machtlosigkeit der Schwachen.

Sondern die Kraft jener, die nicht mehr zerstören müssen, um stark zu sein.


Und vielleicht beginnt die Zukunft der Erde genau dort.


Spirituelle Begleitung & Entspannung

Wenn dich diese Themen auch in deinem eigenen Leben bewegen und du dir einen persönlichen Raum für mehr innere Ruhe, Klarheit und spirituelle Orientierung wünschst, begleite ich dich gern in meinem spirituellen Coaching und Entspannungscoaching.

Dabei geht es nicht um fertige Antworten, sondern darum, wieder tiefer bei dir selbst anzukommen und deinen eigenen Weg klarer wahrzunehmen.

 

Copyright: © Blandina Aurelia Gellrich

 

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