Warum immer mehr Regeln, Methoden und Selbstüberwachung nicht automatisch zu mehr Ordnung führen

Manchmal braucht es keine große gesellschaftliche Analyse, um etwas über unsere Zeit zu verstehen.


Manchmal reicht ein Telefonanschluss.


Seit einigen Wochen erlebe ich bei einem Anbieterwechsel etwas, das vermutlich viele Menschen aus ganz anderen Bereichen kennen: Solange ein Vorgang genau so verläuft, wie das System es erwartet, funktioniert alles wunderbar. Kundin bestellt Anschluss. Techniker kommt. Techniker schließt an. Häkchen setzen.
Nächster Vorgang.Nur leider ist das Leben nicht besonders talentiert darin, sich dauerhaft an Häkchen zu halten.


In meinem Fall gibt es eine ungewöhnliche Verkabelung in einer größeren Wohnanlage. Der erste Techniker verstand sie. Beim nächsten Termin kam jemand, der offenbar eher andere Arten von Häusern kannte. Er lief zwischen Wohnung und Keller hin und her, suchte, prüfte, versuchte – und konnte den Anschluss schließlich nicht herstellen.


Der Kundendienst wiederum kann nicht einfach schreiben: „Bitte schicken Sie diesmal jemanden, der diese besondere Anlage kennt.“


Das System sieht offenbar nur vor: Techniker beauftragen.

Welcher Techniker kommt, welche Erfahrung er mitbringt und ob die Besonderheiten des Falls tatsächlich bei ihm landen, ist eine andere Geschichte.


Und dann geschieht etwas Interessantes.

Ein Vorgang, der technisch vielleicht gar nicht besonders kompliziert wäre, beginnt Schleifen zu drehen.

Neuer Anruf.  Neuer Technikerauftrag. Neue Eskalation. Neue Terminvereinbarung.


Und wenn man beim einzigen Anrufversuch gerade in tiefer Meditation versunken und nicht schnell genug im anderen Zimmer am Telefon ist, können bis zum nächsten Versuch schon einmal einige Tage vergehen.


Offenbar sieht der moderne Mensch im Prozessmodell ungefähr so aus:

ständig erreichbar, Smartphone immer dabei, keine Meetings, keine Arzttermine, keine konzentrierte Arbeit, kein Mittagsschlaf und möglichst auch kein Leben außerhalb des Ticketsystems.


Ich falle da leider etwas aus dem Raster.


Ich möchte mein Smartphone nicht den ganzen Tag mit mir herumtragen. Ich möchte beim Arzt nicht auf einen möglichen Technikeranruf warten. Ich möchte beim Einkaufen einkaufen und während einer intensiven Online-Coaching-Sitzung ganz sicher nicht sagen: „Einen Moment bitte, mein Telekommunikationsanbieter könnte dran sein.“

Menschen sind manchmal erstaunlich systemwidrig.


Wenn der Sonderfall zum Problem wird

Ich glaube inzwischen, dass viele unserer modernen Systeme genau hier an ihre Grenze kommen. Sie sind nicht unbedingt schlecht konstruiert. Sie sind für den Normalfall konstruiert. Und vermutlich funktionieren sie dort sogar hervorragend.


Das Problem beginnt, wenn Wirklichkeit nicht dem Normalfall entspricht.


Ein Mensch hat mehrere Tätigkeiten. Eine gesundheitliche Situation passt in keine klare Kategorie. Ein Gebäude hat eine ungewöhnliche technische Struktur. Eine Familie lebt anders als im Formular vorgesehen. Ein Selbstständiger hat Einnahmen, die nicht jeden Monat gleich aussehen. Eine Verpackung gehört nicht eindeutig in das vorgesehene Raster.


Und schon gerät ein System ins Stocken.


Nicht weil der einzelne Mitarbeiter unfähig wäre. Sondern weil er häufig nur das tun darf, was der Prozess vorsieht. Das empfinde ich als einen wichtigen Unterschied. Man kann nämlich einen sehr freundlichen und engagierten Menschen vor sich haben, der trotzdem kaum Handlungsspielraum besitzt.


Dann sitzt auf der einen Seite ein lebendiger Mensch mit einer individuellen Situation.

Auf der anderen Seite sitzt ein Mensch vor einer Maske mit drei Auswahlmöglichkeiten.

Und beide schauen sich an.


Kontrolle soll Ordnung schaffen

Wir erleben diese Entwicklung inzwischen in sehr vielen Bereichen.


Nehmen wir Verpackungsregeln.


Der Gedanke dahinter ist zunächst nachvollziehbar: Hersteller und Händler sollen Verantwortung für Verpackungsmaterial übernehmen. Müll soll reduziert, Recycling organisiert und Umweltbelastung begrenzt werden.


Doch mit solchen Zielen wachsen häufig zugleich Registrierungspflichten, Dokumentationen, Meldungen, Kategorien, Zuständigkeiten und Nachweise.


Irgendwann verkauft jemand vielleicht zehn handgemachte Dinge im Jahr – und beschäftigt sich plötzlich mit Regelwerken, Registern und Verpackungsfragen, die für einen großen Konzern selbstverständlich eine eigene Abteilung erledigt.


Dass aus solchen Regelwerken gelegentlich ganz eigene Abenteuer

entstehen können, habe ich schon einmal sehr persönlich erlebt.

In „Verordnung, Verirrung, Verwirrung – wie die EU mich fast zur kosmischen AGB-Rebellin gemacht hätte“ habe ich darüber geschrieben, was passieren kann,

wenn eine kleine Selbstständige mit Maxi-Herz auf eine Welt

aus Datenschutz, AGBs und immer neuen Vorschriften trifft. 😄


Das Spannende daran ist nicht einmal die einzelne Verordnung. Mich interessiert das Prinzip dahinter.


Wir versuchen zunehmend, durch vollständige Erfassung Sicherheit zu erzeugen.

Wenn alles dokumentiert ist, kann nichts schiefgehen.

Wenn jeder Vorgang geregelt ist, kann niemand eine Lücke nutzen.

Wenn jede Ausnahme erfasst wird, entsteht Gerechtigkeit.

Wenn jeder Euro nachvollziehbar ist, kann keiner einen Euro in die falsche Hosentasche stecken.

Theoretisch klingt das wunderbar.


Nur produziert vollständige Kontrolle irgendwann eine neue Schwierigkeit:


Die Kontrolle selbst wird so komplex, dass sie kaum noch kontrollierbar ist.


Wenn niemand mehr das Ganze sieht

Je stärker Systeme ausdifferenziert werden, desto kleiner wird häufig der Ausschnitt, für den ein einzelner Mensch zuständig ist.

Der eine bearbeitet Vertragsdaten. Der nächste den Technikerauftrag. Der nächste die Rechnung. Ein anderer den Widerspruch.

Jeder arbeitet korrekt in seinem Bereich.

Und trotzdem kann das Gesamtergebnis vollkommen absurd werden.


Das erinnert mich manchmal an eine Gruppe Menschen, die gemeinsam einen Elefanten transportiert, aber jeder darf nur die drei Quadratzentimeter anfassen, die in seiner Stellenbeschreibung stehen. Irgendwann fragt jemand: „Wo ist eigentlich der Elefant?“ Und das System antwortet: „Dafür bin ich nicht zuständig.“


Das eigentlich Paradoxe daran ist: Je stärker Verantwortung in Prozesse zerlegt wird, desto leichter kann sie verschwinden. Nicht aus böser Absicht. Sondern weil niemand mehr selbstverständlich für das Ganze zuständig ist.


Die Bürokratie zieht irgendwann in den eigenen Kopf

Doch dieses Phänomen findet nicht nur in Behörden, Unternehmen oder politischen Regelwerken statt. Ich beobachte etwas Ähnliches seit Jahren bei Menschen. Die äußere Kontrollkultur ist längst im Inneren angekommen. Besonders deutlich sehe ich das in manchen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität.


Da beginnt ein Mensch, seine eigene Wirklichkeit zu gestalten. Eine schöne Idee. Doch plötzlich wird daraus ein Vollzeit-Kontrollprogramm.


War mein Gedanke gerade positiv genug?

Habe ich Zweifel ausgesendet?

War meine Schwingung heute Morgen hoch genug?

Habe ich meine Affirmation oft genug gesprochen?

Warum ist das gewünschte Ergebnis noch nicht da?

Habe ich falsch manifestiert?

Oh nein.

Negativer Gedanke entdeckt.

Bitte sofort umprogrammieren.


Und irgendwann sitzt ein Mensch in seinem eigenen Kopf wie ein besonders gewissenhafter Sachbearbeiter.


Abteilung Manifestationskontrolle.

Formular M-17:

„Unerlaubter Zweifel um 14:38 Uhr festgestellt.“

Hahahahaha.


Wenn Selbstkontrolle Freiheit verhindern soll – und sie dabei verhindert

Das Erstaunliche daran ist: Diese intensive innere Kontrolle soll Freiheit schaffen. Sie soll Möglichkeiten eröffnen. Sie soll Realität gestalten. Doch häufig beobachte ich das Gegenteil.


Menschen werden angespannter.

Sie kontrollieren ihre Gefühle.

Sie misstrauen spontanen Gedanken.

Sie versuchen, unangenehme Empfindungen möglichst schnell loszuwerden.

Sie suchen ständig nach der richtigen Methode.

Und dadurch wird ihr innerer Raum immer kleiner.


Dabei entstehen neue Möglichkeiten häufig gerade dort, wo wir nicht schon vorher wissen, wie sie aussehen müssen.

Eine unerwartete Idee.

Ein spontaner Impuls.

Ein Gespräch.

Eine Begegnung.

Ein Weg, der vorher gar nicht auf dem inneren Lageplan eingezeichnet war.


Das Leben ist ausgesprochen schlecht darin, sich an unsere PowerPoint-Präsentationen zu halten.

Zum Glück.


Auch Spiritualität liebt inzwischen Bedienungsanleitungen

Ich arbeite seit vielen Jahren auch mit geistigem Heilen. Für mich ist das etwas sehr Lebendiges. Es hat mit Wahrnehmung zu tun. Mit Erfahrung. Mit innerer Verbindung. Mit Präsenz. Mit dem Menschen, der gerade vor mir sitzt. Mit etwas, das sich in diesem konkreten Moment zeigt.


Und immer wieder begegnete mir sinngemäß die Frage:

„Kannst du daraus nicht eine Technik machen?“

Natürlich.

Am besten eine Einweihung.

Mit drei Symbolen.

Sieben Stufen.

Arbeitsheft.

Zertifikat.

Und selbstverständlich möglichst für maximal 15 Euro.

Hahahahahaha.


Manchmal stelle ich mir vor, wie ich versuchen müsste, etwas, das über Jahre gewachsen ist, in eine kleine spirituelle Bedienungsanleitung zu pressen:


Geistiges Heilen in fünf einfachen Schritten.

Schritt 1: Feld einschalten.
Schritt 2: Energie auswählen.
Schritt 3: Symbol links herum drehen.
Schritt 4: dreimal kosmisches Passwort sprechen.
Schritt 5: Zertifikat ausdrucken.

Bitte nicht während eines Gewitters anwenden.


Natürlich können Techniken hilfreich sein. Ich selbst habe viel gelernt, geübt und erfahren.

Struktur kann tragen. Methoden können Türen öffnen. Doch eine Methode ist ein Gefäß.

Sie ist nicht das Leben selbst. Und manchmal wird das Gefäß irgendwann wichtiger als das, was darin eigentlich fließen wollte.


Lebendige Intelligenz lässt sich nicht vollständig standardisieren

Vielleicht liegt genau hier eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.


Wir verfügen über immer bessere technische Möglichkeiten. Wir können automatisieren, dokumentieren, auswerten, berechnen und überwachen. Und vieles davon ist ausgesprochen hilfreich.


Ich bin keineswegs gegen Technik. Im Gegenteil. Ich arbeite täglich digital, nutze künstliche Intelligenz, begleite Menschen online, veröffentliche Bücher und bewege mich in digitalen Räumen, die vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen wären.


Aber vielleicht müssen wir lernen, zwischen intelligenter Struktur und starrer Kontrolle zu unterscheiden.

Eine gute Struktur unterstützt das Lebendige. Eine schlechte Struktur versucht, das Lebendige an sich anzupassen. Der Unterschied ist gewaltig.


Eine wirklich intelligente Organisation müsste erkennen können:

Hier liegt ein Standardfall vor.

Dort liegt ein Sonderfall vor.

Und bei einem Sonderfall braucht es vielleicht einen Menschen, der den gesamten Zusammenhang betrachten und eine Entscheidung treffen darf.


Genau hier könnte übrigens künstliche Intelligenz irgendwann sehr hilfreich sein. Nicht indem sie Menschen noch stärker normiert. Sondern indem sie stupide Verwaltungsarbeit übernimmt und Zusammenhänge sichtbar macht. Eine KI könnte beispielsweise zwanzig Kundenmails lesen und in Sekunden feststellen:

„Aha. Besonderer technischer Fall. Zweiter Techniker bereits erfolglos. Diese Information sollte unbedingt in den nächsten Auftrag.“ Der Mensch müsste dann nicht weniger denken. Er könnte endlich wieder mehr denken.


Kontrolle erzeugt irgendwann ihre eigenen Schlupflöcher

Noch etwas finde ich interessant.

Je stärker Gesellschaften dokumentieren und kontrollieren, desto mehr Spuren entstehen.

Finanzströme.

Register.

Vergaben.

Verträge.

Firmenverbindungen.

Kommunikation.

Datensätze.


Was ursprünglich geschaffen wurde, um Abläufe nachvollziehbarer zu machen, kann dadurch zugleich Dinge sichtbar machen, die früher möglicherweise leichter verborgen geblieben wären.

Auch Missstände, Interessenkonflikte oder Korruption können dadurch plötzlich anhand von Daten, Dokumenten, Leaks und Recherchen nachvollziehbar werden.


Das hat eine gewisse Ironie.


Man baut ein immer feineres Netz, damit nichts hindurchrutscht. Und irgendwann bleiben darin auch Dinge hängen, die ursprünglich gar nicht sichtbar werden sollten.


Vielleicht besitzt Kontrolle also eine merkwürdige Eigenschaft:

Sie kontrolliert nicht dauerhaft nur diejenigen, die kontrolliert werden sollen.


Vertrauen ist kein Gegenteil von Verantwortung

Damit meine ich nicht, dass wir sämtliche Regeln abschaffen und alles dem Zufall überlassen sollten.

Eine Gesellschaft braucht Regeln.

Ein Unternehmen braucht Abläufe.

Ein Mensch braucht Orientierung.


Auch Vertrauen bedeutet nicht, sich hinzusetzen und zu hoffen, dass sich alles irgendwie von allein erledigt.


Ich kann mich innerlich verbinden, einen gewünschten Ausgang fühlen und trotzdem am Dienstag beim Kundendienst anrufen, wenn niemand reagiert hat.

Ich kann vertrauen und zugleich einen Widerspruch schreiben.

Ich kann mich dem Leben öffnen und trotzdem eine Rechnung kontrollieren.

Für mich widerspricht sich das überhaupt nicht.

Vielleicht besteht Reife gerade darin, beides wieder zusammenzubringen:

Verbindung und Handeln. Intuition und Verstand. Struktur und Beweglichkeit. Vertrauen und Verantwortung.

Das eine muss das andere nicht ersetzen.


Vielleicht braucht das Leben wieder etwas mehr Platz

Wenn ich mir manche Entwicklungen unserer Zeit anschaue, frage ich mich manchmal, ob wir nicht vergessen haben, dass das Leben selbst eine Form von Intelligenz besitzt.


Menschen sind keine Datensätze.

Unternehmen sind keine Ablaufdiagramme.

Heilung ist kein Computerprogramm.

Und Wirklichkeit ist kein Formular, das nur deshalb funktioniert, weil alle Pflichtfelder ausgefüllt wurden.


Vielleicht dürfen Systeme wieder lernen, Ausnahmen auszuhalten.

Vielleicht dürfen Menschen wieder lernen, nicht jeden inneren Impuls sofort zu kontrollieren.

Vielleicht darf eine Idee einmal entstehen, bevor sie kategorisiert wird.

Vielleicht darf sogar ein Problem eine Weile offen sein, ohne dass wir es sofort in sieben Schritte zerlegen.

Denn manchmal kommt eine Lösung gerade dann, wenn wir aufhören, sie mit Gewalt in den vorgesehenen Port zu drücken.


Mein Kabel befindet sich übrigens noch immer auf seinem Weg nach Hause. Aber ich habe beschlossen, ihm etwas Vertrauen entgegenzubringen. Vielleicht erscheint eines Tages einfach der richtige Techniker, schaut fünf Minuten in den Verteilerkasten und sagt:

„Ach so. Ja, klar.“


Und dann geschieht das, woran sämtliche Prozesse wochenlang gearbeitet haben:

Er steckt das Kabel dorthin, wo es hingehört.

Manchmal könnte das Leben tatsächlich so einfach sein.

Wenn wir es denn lassen. 😄


Wenn du dir selbst wieder mehr Raum geben möchtest

Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues: nicht indem du dich noch besser kontrollierst, sondern indem du für einen Moment aufhörst, an dir herumzuarbeiten. Indem dein Körper zur Ruhe kommen darf und du wieder wahrnimmst, was eigentlich schon da ist.

In meinem Entspannungscoaching begleite ich dich dabei ganz persönlich. Nicht mit einem weiteren starren Konzept, das du anschließend richtig ausführen musst, sondern mit einem Raum, in dem Entspannung, Wahrnehmung und deine eigene innere Verbindung wieder mehr Platz bekommen dürfen.

Und manchmal braucht es dafür gar nicht viel. Genau darum geht es auch in meinem Online-Abend „Kleine Momente – große Wirkung“: um jene kleinen Augenblicke im Alltag, in denen wir aus dem Funktionieren aussteigen, wieder bei uns ankommen – und dadurch oft mehr verändern, als wenn wir noch eine weitere Methode auf unsere innere To-do-Liste setzen.

Denn vielleicht braucht das Leben nicht immer mehr Kontrolle. Vielleicht braucht es manchmal einfach wieder etwas mehr Raum. ☀️


Copyright: © Blandina Aurelia Gellrich

 

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